Geoarchäologie
Die Geoarchäologie nimmt eine eigentliche Mittelstellung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ein. Sie verwendet dabei geowissenschaftliche Methoden, um Informationen zu archäologischen Fragestellungen beizusteuern. Als ursprünglich stark auf die Quartärstratigraphie und Paläoklimatologie ausgerichtete Disziplin, bedient sie sich verschiedener Ansätze, unter anderem der
- Geomorphologie (Entstehung und Deutung der Landschaftsformen)
- Sedimentologie (Entstehung der Ablagerungen)
- Pedologie (Merkmale und Entwicklungsgeschichte der Böden)
- Stratigraphie (Analyse und Korrelation der Schichten und der Paläoböden)
- Geochronologie (Altersstellung der Schichtabfolgen)
Seit einigen Jahrzehnten – nicht zuletzt auch unter dem Einfluss von archäologischen Grossprojekten im Zusammenhang mit dem Strassenbau – zeichnen sich zwei grössere Anwendungsbereiche ab.
1. On-site studies: Untersuchungen innerhalb archäologischer Fundstellen
Geowissenschaften und Archäologie gehen hier vom selben Ansatzpunkt aus und betrachten das Sediment als ein archäologisches Dokument. Um die Bildungsgeschichte einer archäologischen Fundstelle beurteilen zu können, müssen die Sedimentationsvorgänge, welche im Lauf der Zeit gewirkt haben, identifiziert werden. Dieser Ansatz berücksichtigt deshalb in starkem Masse auch die anthropogenen Einflüsse auf das Ablagerungsgeschehen, ein Ansatz, der dank mikroskopischer Sedimentuntersuchungen einen beträchtlichen Aufschwung erfahren hat. Die Mikromorphologie als Analysemethode wird dabei vorab auf spezifische archäologische Befunde wie Siedlungsschichten mit erhaltenen Gehniveaus, Grubenfüllungen oder Schichtabfolgen in Höhlen und Abris angewandt. Der chronologische Rahmen umfasst in solchen Fällen meist holozäne Sequenzen.
2. Off-site studies: geoarchäologische Studien zur Landschaftsgeschichte
In diesem eher klassischen Arbeitsbereich der Geowissenschaften wird das Sediment nunmehr als Träger von paläoökologischen Informationen aufgefasst. Das Ziel solcher Studien, die auch ausserhalb von archäologischen Fundstellen durchgeführt werden, besteht darin, diachrone und nach paläoklimatologischen Kriterien analysierte Sedimentabfolgen miteinander zu verbinden. Deren Auswertung ermöglicht anschliessend eine Rekonstruktion der regionalen Landschaftsentwicklung, wobei dieser Ansatz eine enge Zusammenarbeit mit Nachbardisziplinen wie der Archäobotanik(*), der Archäozoologie(*) oder der Malakologie voraussetzt. Ein Einbezug archäologischer Daten fixiert den chronologischen Rahmen, der sich sowohl im Holozän wie auch im Pleistozän bewegen kann.
Geoarchäologische Studien geben uns einen besseren Einblick in die Vergangenheit einer Landschaft, zeigen aber auch Aspekte ihrer Entwicklung und der Dynamik der Veränderungen auf. Dies trägt letztlich mit zum besseren Verständnis des Lebensraums der prähistorischen Menschen und auch zu dessen im Boden verborgenen Hinterlassenschaften bei.
Kontakt:
Michel Guélat
géoarchéologue
2800 Delémont
mic.guelat(at)bluewin(dot)ch
Philippe Rentzel
Geoarchäologie
Universität Basel
philippe.rentzel(at)unibas(dot)ch